Montag, 21. September 2009

Friedhof Museum

Die Domestizierung der Kunst in unseren Museen. In Reih und Glied finden wir sie an den kahlen Wänden versammelt. Stramm stehen die Wärter in den Ecken der einzelnen Zellen. Dort ist Max Ernst eingesperrt, da wird Dali gefangen gehalten, da hinten Frida Kahlo. Einige teilen sich ihre Zellen mit ihren Zeitgenossen, andere befinden sich in Einzelhaft. Alle sind gefesselt und geknebelt. Die Aufseher schützen die Kunst vor den Besuchern und achten auf ihren eigentlichen Wert: Millionen. Durch dicke Glasscheiben sieht man den Gefängnishof mit den Skulpturen, der Zutritt ist selbstverständlich untersagt. Große Mobiles hängen von der Decke. Was einst zum freien Spiel bestimmt war, ist nun fixiert, nie wieder werden sie sich um sich selbst drehen. In unseren Museen, sterile Kunst- und Kulturfriedhöfe, fühlt sich nicht mal der Staub so richtig wohl. Es ist ihm hier zu trocken. Wenn es wirklich so ist, dass ein Teil des Schaffenden in sein Werk mit eingeht und dort für alle Zeiten weiter lebt, so sind die Museen auch riesige Mahnmale: Achte darauf, dass du nicht berühmt wirst, sagen sie uns, denn sonst wirst du aus dem Leben gerissen, im Überleben zu Tode interpretiert, bekommst eine jämmerliche Grabaufschrift und einen Sammler, der zu dir in Dialog tritt. Im Zwiegespräch lobt er dich: Heute bist du einen Tausender wertvoller geworden oder aber dein Wert ist nicht gestiegen, du warst eine schlechte Investition. Viele Werke wurden über die Jahrhunderte vor der Zerstörung bewahrt; hätte man sie doch verfallen lassen, ihr Gewicht wiegt nun umso schwerer auf unseren Börsen. Und wenn die Lichter erlöschen, hört man sie im Stillen klagen.

MZZ / Das verlorene Buch

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